Licht ist, wenn man keins hat, ist es dunkel

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… hier sitze ich, Beine baumelnd, abwartend. Nichts zu fühlen ist die einzige Option, die mich so etwas wie aufrecht hält. Ich habe Angst. Angst, dass sich doch eine Träne an meiner Mauer aus Gefühllosigkeit vorbei schleicht und mich vorher zusammenbrechen lässt. Angst, mich zu verletzen, um den Druck umzulenken, weil es mich – vielleicht – etwas fühlen lässt und meine Mauer einreißt. Mit einer Klinge in der Hand wäre das keine gute Idee. Nein, ganz und garnicht.

Ich fühle mich wie bin ein Zombie, darauf wartend, dass es Mittwoch wird. Der Tag. Der Tag, an dem sich entscheidet, ob Schatz und ich damit beginnen können, die Scherben unseres Lebens wieder zusammenzusetzen, oder ob jemand nochmal mit der Planierraupe drüberfährt. Der Tag, von dem ich nicht weiß, wie ich es bis dahin schaffen soll. Der Tag, an dem ich zusammenbrechen werde, egal, wie es ausgeht.

Ich kann nicht mehr. Ich rede nicht. Ich fühle nicht. Ich funktioniere nicht und versuche, nicht nachzudenken. Ich lenke mich ab, stoße Menschen vor den Kopf, habe keine Ahnung, wie ich Montag und Dienstag arbeiten soll und strauchle heimlich vor mich hin.

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Gläsern

Direkt unter meiner Haut, die jeden Tag dünner wird, bin ich aus Glas und von tausend Sprüngen durchzogen. Nicht nur, weil ich mich gerade erst wieder einigermaßen funktional zusammengesetzt hatte, sondern weil der Druck langsam in bedrohliche Höhen steigt. Jeden Tag höre ich es knirschen, wenn ein neuer Riss entsteht. Jeden Tag versuche ich, durch Anspannung und innere Kontrolle dagegen zu halten. Und jeden Tag wird es schwieriger.

Eine Woche noch. Heute in einer Woche ist dieser so wichtige Termin, an dem sich unser weiteres Schicksal entscheidet. Ich könnte schreien und heulen, weil immer mehr der hypotetischen Gefühle in mir toben. Aber ich weiß, wenn ich jetzt nachgebe – und wenn es nur ein klitzekleines bisschen ist – werde ich bersten. In millionen Splitter zerspringen, von denen mich mehr als einer schwer verletzen könnte wird. Ein Scherbenhaufen, den ich nicht binnen einer Woche wieder zusammensetzen kann.

Also gebe ich nicht nach. Und lasse die Angst Gewissheit, dass ich – egal, wie es ausgeht – nächsten Mittwoch implodiere, unbeachtet.

Mit anderen Augen

Der Gedanke, was andere von mir denken könnten, begleitet mich schon so lange, dass es sich wie mein ganzes Leben anfühlt. Kein Wunder, denn wie oft hörte ich von meiner Mama, meiner Oma und anderen Mitgliedern meiner Familie die Worte, was andere nun wohl über dieses und jenes denken würden, was passiert war. Es ist wohl nachvollziehbar, wie schwer es mir fällt, mich von diesen Gedanken (plus denen, dass ich bitte ausnahmslos von allen gemocht werden will) zu lösen.

Ein relativ neuer Gedanke dazu kam mir aber erst vor Kurzem: ich betrachte mich und nahezu alles, was ich tue, stets durch die Augen Dritter. Wie sieht es aus, wenn…, Was denkt XY, wenn…, und so weiter. Und ich glaube, genau das könnte einer der Punkte sein, warum es mir nach wie vor so schwer fällt, mich selbst und die Depression anzunehmen, meine Fortschritte zu erkennen und (noch mehr) gegen die Krankheit zu kämpfen. Weil alle nur die Maske und die mühsam aufrecht erhaltene Perfektion sehen, aber nie das Chaos zu Gesicht bekommen, was täglich in meinem Kopf tobt. Und wenn ich nun hergehe und mich – durch die Augen Dritter – heute mit mir selbst zu Beginn meiner Verhaltenstherapie vergleiche, dann sehe ich einen so minimalen Unterschied, dass er schnell übersehen werden kann.

Wenn ich weiterkommen möchte, sehe ich aktuell nur einen Weg, der mir – zeitnah – helfen könnte. Gleichzeitig ist es gefühlt ein Spiel mit dem Feuer.
Natürlich kann – und werde – ich mich weiter bemühen, nicht mehr so viel darauf zu geben, was andere über mich denken und mich durch meine Augen statt durch die der Anderen betrachten. Aber durch die Prägung als Kind wird beides bestimmt eine lebenslange Herausforderung, die nicht von heute auf morgen umsetzbar ist.

Mein Plan

Ich werde den Anderen über mich erzählen. Ich möchte offener mit der Depression umgehen, und ich spüre schon länger, dass mir auch das Thema Entsigmatisierung am Herzen liegt. Ich möchte mich dafür – und für mich – stark machen. Auch, wenn ich entsetzliche Angst davor habe, dadurch selbst stigmatisiert zu werden – sei es von Bekannten, Kollegen, oder – wer weiß – möglichen künftigen Arbeitgebern. Aber ich sehe keinen anderen Weg.

Ich werde nicht morgen mit einem Banner durch meine Firma laufen. Ich werde auch diesen Blog nicht identifizierbar machen. Aber ich möchte auf Instagram, wo ich mit niemandem aus meinem Arbeitsumfeld verbunden bin, einen Anfang wagen. Vielleicht. Wenn ich mich traue.

Die 40-Minuten-Depression

Ich gucke gerade die Serie Desperate Housewives und in der letzten Folge wurden (Wochenbett-)Depressionen zum (Neben-)thema gemacht. Einer der Ehemänner war davon betroffen – 40 Minuten lang, eine Folge eben.
Und sie hängt mir nach, weil mir das Ende wieder einmal zeigt, wie falsch so eine Krankheit dargestellt werden kann.

Staffel 7, Folge 2

Tom kommt wiederholt früher von der Arbeit heim, weil es ihm nicht gut geht. Seine Frau Lynette schickt ihn zum Arzt, und er kommt mit der Diagnose Wochenbettdepression, einer Broschüre und einem angstlösenden Medikament nach Hause. Lynette nimmt weder die Krankheit enrst, noch will sie, dass er das Medikament nimmt, und schickt ihn daher zu einem ganzheitlichen Arzt. Dieser verschreibt Tom medizinisches Marihuana – welches noch vor der ersten Nutzung von Lynette durch Oregano ausgetauscht wird. Tom merkt dies zunächst nicht und wähnt sich trotzdem im Rausch, als er sich seinen ersten Joint dreht. Er steht über eine Stunde am Bettchen seiner kleinen Tochter, und entdeckt dadurch, dass er bloß für den Moment leben muss, um die Krankheit loszuwerden. Am Ende der Folge, deren Handlung an wenigen Tagen spielt, ist er scheinbar wieder glücklich und geheilt – und seine Frau hat offensichtlich gut daran getan, weder die Krankheit, noch die Medikation ernstzunehmen, sondern darauf zu setzen, dass er bloß seinen Blickwinkel ändern musste.

Stell dich nicht so an!

…ist irgendwie das Einzige, was ich hier „rausziehen“ kann. Und es ärgert mich – denn auch wenn (hoffentlich!) niemand sein gesamtes Wissen über Depressionen aus dieser einen Folge einer Hirn-aus-Film-ab-Serie zieht, zeigt es mir, wie sehr solche Darstellungen zu einem völlig falschen Bild führen können.

Möwen und Milchkaffee

Kann ich mich entscheiden, positiv zu denken oder gar glücklich zu sein? An manchen Tagen scheint es zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen. So wie heute, also entscheide ich heute, dass ich positiv denken möchte – und vielleicht, nur vielleicht, gelingt es mir, diese Entscheidung für einige Tage mitzunehmen, das positive Denken beizubehalten.

Es ist ein guter Tag, auch wenn es anfangs keiner zu werden scheint. Ich wache mit Bauchkrämpfen auf, weil meine Mens losgeht, und wir haben einen etwas „kritischen“ Termin am Vormittag. Aber dank Medis sind die Beschwerden bald weg, der Termin ist ok und auch meine Erkältung wird langsam besser.

Die Sonne scheint. So fahren Schatz und ich anschließend in einen Nachbarort und gehen am See spazieren, fotografieren ein bisschen. Und gehen in eins der schönsten See-Cafés, das ich kenne – wir sind zum ersten, aber ganz bestimmt nicht zum letzten Mal dort. Ich trinke Latte Macchiato, Schatz einen Milchkaffee, und wir schauen den Blesshühnern beim Tauchen und den Möwen beim Segeln zu – es ist warm und schön und irgendwie friedlich. Und der Moment, an dem ich für heute entgültig entscheide, dass es ein guter Tag ist.

Jetzt sitze ich mit meinen warmen Socken und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa und denke an diesen wunderschönen, blauen Ausblick über den See auf die Berge. Ein bisschen Bauchweh ist zurück, aber das ist ok. Es geht mir heute gut.

Graue Tage

Ich stehe am Rande meines Lebens und zerfleische betrachte es wieder einmal. Zwei Therapiestunden sind noch übrig, und beide sind schon voll mit aktuellen Dingen, die vor- und nachbereitet werden möchten.
Ich fühle mich meilenweit entfernt von dem Gefühl, dass ich fertig bin mit der Therapie, kann mir aber gleichzeitig nicht vorstellen, doch noch eine Verlängerung zu beantragen, weil ich nicht weiterkomme.

Wie definiert man „Erfolg“ bei einer seit 15 Jahren andauernden Krankheit mit bisher sehr überschaubaren symptomfreien Zeiten, an die ich mich so sehr gewöhnt habe, dass ich erst heute wieder beim Auflisten meiner Symptome erstaunt bin, weil ich lt. diesen als mittelgradig depressiv einzustufen wäre?
Gut, vielleicht ein stückweit so, dass ich heute, an meinem sturmfreien Tag, nicht in Selbstmitleid zerflossen bin, ich mich ok fühle und sogar ein bisschen Hausarbeit gemacht habe, frei nach dem Motto meiner Therapeutin: Spaß machen muss es ja (erstmal) nicht!

Die Verhaltenstherapie wird mich aber nicht weiterbringen. Ich weiß – auch, weil ich schon so viel über Depression und allgemein psychische Erkrankungen gelesen habe – genau, was ich tun kann. Aber was nützt es mir, wenn mich das Leben trotzdem fickt? Wenn es mir trotzdem schlecht geht, obwohl ich Sport mache, rausgehe, auf mich achte? Wenn ich mich trotzdem frage, wer ich eigentlich bin?

Ok, jetzt führt es doch zu Selbstmitleid und nicht in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Welche war das genau? Keine Ahnung. Therapie ist fast vorbei, Depression nicht.