Splitter

Ich liege in viel zu viele Teile zerstreut am Boden um mich herum. Mich wieder zusammenzusetzen scheitert am nicht vorhandenen Kleber, dem Unwillen, ebenjenen zu suchen und daran, dass kein Teil mehr zum Anderen zu passen scheint.

Schmerzgrenze

Rosa brüllt mich an. Laut. Schrill. Sie ist außer sich. Schier rasend.
Mit Abscheu und Ekel gestikuliert sie wild Richtung Körper, der aus purem Trotz nicht nur Unmengen Fett, sondern noch viel mehr Wasser einlagert, einem Marshmallow gleicht und sich wie ein riesiges speckiges Walroß anfühlt.
Ich kann ihr nur zustimmen. Und finde den Gedanken, ihn trotzdem weiter füttern zu müssen derart abstoßend, dass ich heulend und ratlos in Rosas Armen liege, die mir liebevoll übers Haar streicht und gleichzeitig weiter Vorwürfe mit einem Megaphon ins Ohr schreit.

Rosa packt meine Koffer. Teil für Teil wandert aus dem Schrank dort hinein, wo ich es sogleich wieder herausnehme und zurücklege. So drehen wir uns im Kreis und streiten dabei unentwegt über die Gründe, die für eine Abreise aus der Klinik sprechen – und welche dagegen. Rosas Argumente finde ich durchaus stichhaltig – Sport, Hungern und Dünnsein klingen nicht nur gut, sondern geradezu großartig. Aber die Rückkehr in das Leben, bei dem wir im November auf Pause gedrückt haben, erscheint mir derart absurd, dass ich lieber einen Pakt mit ihr schließe, statt ihr oder Körper vollends nachzugeben.
Sie darf brüllen, soll es sogar. So laut bitte, dass ich nicht über das Leben nachdenken muss, während ich den Käse zum Frühstück verweigere. Und sie brüllt.

TabulaRasa

Weißes Rauschen in einem weißen Raum, ich mittendrin. Der Blick durch das Bullauge der Tür, über der die nur schwer zu entziffernde Inschrift Exit prangt, offenbart nur noch mehr Weiß in beängstigend gleichförmiger Unendlichkeit. Ich will dort nicht raus. Ich will nicht hier sein. Das Rauschen dröhnt unerträglich in meinen Ohren und ich kann weder mich selbst, noch irgendetwas sehen. Ich lechze nach Farbe. Rosa wäre schön.

Beißhemmung

Rosa findet, dass es jetzt dann mal reicht mit Essen. Dabei hat sie sich das Ganze eh erstaunlich lange aus der Ecke, in der sie bockig rumsteht, angesehen. Aber bei inzwischen drei eineinhalbfachen Portionen zu den Hauptmahlzeiten plus einer Zwischenmahlzeit in Kombination mit meiner Gewichtskurve und der neuesten Steig(er)ung hat sie nun wohl beschlossen, dass hier dringend eingegriffen werden muss und sich plötzlich mit Körper zusammengetan. Wobei ich ja den Verdacht hege, dass sie ihn mit irgendwas erpresst, aber er schweigt und Rosa natürlich auch. Bis auf die nicht unerhebliche Übelkeit und den Reflux, der mich schon mehr als einmal zumindest an den Rand der Kloschüssel gebracht hat – beides haut er mir schweigend mit einem Zaunpfahl um die Ohren, während Rosa grinsend daneben steht und sich aber ertappt fühlt, weil ich hauptsächlich sie verdächtige.

Bedrohung

[Triggerwarnung]

Rosa ist frustriert, weil die erlaubten 30 Minuten Bewegung am Tag in Form von Spaziergängen – auch wenn sie bei maximalem Tempo mit möglichst viel Strecke gefüllt werden – lächerlich sind und ich mich seit zwei Wochen auch noch brav daran halte. Also, bis gestern zumindest. Ich brauche ja ein Thema fürs nächste Einzel.

Das letzte Einzel verbringe ich damit, die Selbstverletzung, die ich geheim halten wollte, detailliert zu erörtern. Nicht, weil ich mich freiwillig anders entschieden hätte, sondern weil Körper der Meinung war, sein Leid in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen zu müssen. Gut, ich habe wohl meinen Körperfettanteil ein klitzekleines bisschen falsch eingeschätzt, als es um die Tiefe ging – immerhin ist das letzte Mal knappe 20 Kilo her. Also hole ich mir bei der medizinischen Zentrale einen Verband ab, bei dem ich schon beim Anlegen denke, dass er verdächtig locker sitzt in Anbetracht meiner Sickerblutung, die seit 3 Stunden anhält. Als im Speisesaal beim Abendessen mein Arm plötzlich rote Schlieren auf der Tischplatte hinterlässt, weil es durch diverse Lagen Verband, ein langärmliges Oberteil und eine dicke Sweatjacke gesuppt ist, verkleinert sich schlagartig mein Sichtfeld. Ich schnappe ich mir eine Serviette und gehe erneut zur MZ. Einen Druckverband später, der so fest wie der vorherige locker ist, bin ich wie im Tunnel und möchte im Boden versinken.
Als ich am nächsten Morgen aufwache und meine Hand betrachte, muss ich an Star Trek denken – wenigstens ist meine Zunge nicht taub. Also muss ich noch einmal zur MZ und ernte dort wie auch später von meinem Mitpatienten ungläubige Blicke angesichts des Ballons, der nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Hand hat, bekomme aber nun SteriStrips – die mir bisher nicht angeboten wurden – und endlich einen vernünftigen Verband.

Am Abend bin ich vorsichtiger. Ein Pflaster und ein selbst improvisierter Druckverband reichen.

Dass ich nun kommende Woche im Einzel wie vereinbart ganz einsichtig meine gebrauchten Rasierklingen abgebe, geschieht einzig deshalb, weil ich bereits neue habe – Rosa, Schwarz und Rot haben sich zusammengetan und eine Petition eingereicht, weil sie sich unmöglich auch noch diesen durchaus zweideutig zu verstehenden letzten möglichen Ausweg wegnehmen lassen können. Ich stimme dem zu.